Forschung schafft Perspektiven: Karsten Wesche (Senckenberg)
Juni 2026
Karsten Wesche hat einen besonderen Blick auf Natur und Artenvielfalt. Seine Arbeit führt ihn von Mitteleuropa bis in die Mongolei und nach China. Im Interview erzählt er, was ihn an Biodiversität fasziniert, warum Görlitz für ihn zum Lebensmittelpunkt geworden ist und welche Bedeutung internationale Projekte für seine Arbeit haben.
Wer bist du und woran arbeitest oder forschst du?
Mein Name ist Karsten Wesche, ich bin Botaniker und Naturschutzbiologe. Ich forsche vor allem zu Auswirkungen von Landnutzung auf die Artenvielfalt, dies vor allem in Mitteleuropa, aber auch in der Mongolei und China. Ich arbeite primär am Senckenberg Museum in Görlitz, leite den Standort in Görlitz seit 2023 und seit 2025 auch den Senckenberg Standort in Dresden
Warum bist du nach Görlitz gekommen und was hat dich überzeugt, hier zu arbeiten?
Seit ich denken kann, fasziniert mich Naturkunde. Der Mix aus Naturkunde, Naturschutzforschung und Arbeiten mit wissenschaftlichen Sammlungen, in meinem Fall vor allem Herbarien, hat mich sofort angesprochen, als ich mich auf die Stelle am Naturkundemuseum beworben habe. Ich bin jetzt seit 2010 bei Senckenberg in Görlitz und empfinde es als großes Privileg – und auch als erfüllter Lebenstraum – hier arbeiten zu können.
Wie hast du dein Ankommen in Görlitz erlebt und was gefällt dir am Leben in der Stadt?
Bevor meine Familie und ich nach Görlitz kamen, hatte wir kurz in Göttingen und viele Jahre in Halle gelebt. Uns hat die schiere Schönheit unserer Stadt überrascht, ihr großes kulturelles Angebot und auch die Vielfalt der Umgebung; von Frühbarock bis Gründerzeit, vom (Musik)Theater bis zu den Jazztagen, vom Gebirge in die Streusandbüchse. Wir schätzen auch die Möglichkeiten und Erfahrungen, die wir in den Nachbarländern machen können. Sich über Staatsgrenzen hinweg frei austauschen zu können ist ein Standortsvorteil, den wir bewahren müssen.
Gerade auch für Familien mit kleinen Kindern hat die Stadt eine hohe Lebensqualität, und Senckenberg stellt ideale Arbeitsbedingungen bereit. Bei Senckenberg in Görlitz, aber auch bei Senckenberg bundesweit, herrscht eine ausgesprochene Willkommenskultur und ein kollegiales Miteinander, das ich nicht mehr missen möchte.
Was macht die Wissenschaftsregion um Görlitz aus deiner Sicht besonders?
Görlitz ist eine „nur“ mittelgroße Stadt, die zwar akademische Einrichtungen aber keine große Universität hat. Dennoch hat hier Wissenschaft große Tradition, und gerade, weil es keine Universität gab, haben sich viele Institutionen entwickelt. Das besondere ist der Mix und die Dynamik, so kamen allein in den letzten Jahren mit IÖR, CASUS und DZA große Wissenschaftseinrichtungen dazu. Dass wir in Görlitz etwas abseits liegen, bringt uns aber auch dichter zusammen, und so wachsen rasch Kooperationen auch über eigentlich ganz verschiedene Disziplinen hinweg. Und ja – Forschende sind Menschen und profitieren von der hohen Lebensqualität hier.
Was hat dich an Görlitz oder an der Arbeit hier besonders überrascht?
Die größte Überraschung war sicher die Schönheit der Stadt und die erstaunlich große Vielfalt an kulturellen Angeboten.
Woran arbeitest du aktuell?
Wir arbeiten gerade an einer Neuauflage des Rothmaler, des wohl umfassendsten Bestimmungsbuches für die Pflanzen von Deutschland. Neben der heimischen Artenvielfalt ist mir die Mongolei inzwischen besonders wichtig, hier erarbeiten wir gerade in einem großen Team die neue internationale Wanderausstellung Steppenwächter, die das einmalige Zusammenspiel von Natur und Kultur in der Mongolei aufzeigt.
Was würdest du anderen internationalen Wissenschaftlern sagen, die überlegen, nach Görlitz zu kommen?
Deutschland insgesamt ist sicher immer noch eines der besten Länder für Forschung überhaupt. Weltweit wird Wissenschaft meist mit Universitäten verbunden – aber gerade in Deutschland gibt es sehr viele tolle Forschungsinstitutionen, die eben nicht direkt Universitäten sind. Görlitz hat mehrere mittelgroße aber mit dem DZA zusehends auch große Einrichtungen, die national und international attraktive Forschungsmöglichkeiten bereitstellen und wer Freude an akademischer Lehre hat, findet an Hochschule Zittau Görlitz und / oder IHI TU Dresden auch dafür Möglichkeiten
Hast du einen persönlichen Tipp für alle, die neu nach Görlitz kommen?
Lasst euch von nichts abschrecken und seid neugierig – es lohnt sich.
Text: Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung
Dieses Porträt entstand in Kooperation mit dem Hi!Lusatia e.V. im Rahmen der Ausstellung „Hi!Lusatia – Forschung schafft Perspektiven“ in der Galerie Brüderstraße in Görlitz.
