Genuss überm Fluss

Fast hätte Corona es geschafft. Fast hätte das tückische Covid-Virus den Probelauf für eine junge länderverbindende Initiative verhindert. Mitte Juni hatte die polnische Regierung beschlossen, die Landesgrenzen wieder zu öffnen. Und erst dann konnten die Organisatoren des für den 27. Juni geplanten deutsch-polnischen Wein- und Genussfestes „Coolinaria“ vorsichtig aufatmen.
 
Von langer Hand vorbereitet war die Veranstaltung, bei der regionaler Wein, Bier, landestypische Speisen und landwirtschaftliche Erzeugnisse von beiden Seiten der Neiße im Mittelpunkt stehen sollten. Schlesische, sächsische und Brandenburger Weingüter sollten zusammenkommen, Craftbeer-Brauereien wollten ihre Produkte präsentieren, ausgewählte Gastronomen das Publikum verwöhnen. Dann kam der Lockdown.
 
Ihren Anfang fand die Coolinaria in einer Idee des Schlesischen Museums im ostsächsischen Görlitz. Die dortige Kulturreferentin Agnieszka Bormann hatte sich vorgenommen, junges, modernes Schlesien zu vermitteln. Gemeinsam mit dem engagierten Görlitzer Weinhändler Axel Krüger besuchte sie im Frühjahr 2019 zwölf Winzer zwischen Breslau und Grünberg. Und beide waren angenehm überrascht, höchst innovative Weingüter vorzufinden, deren Investitionen in Gebäude, Fuhrpark und Kellertechnik von großem Aufbruchwillen zeugten.
 
Die teilweise gezeigte Qualität der in Deutschland noch weitgehend unbekannten polnischen Weine war für Krüger der Anstoß, über ein Miteinander nachzudenken. Danach gab ein Telefonat mit der Geschäftsführerin des sächsischen Staatsweingutes Schloss Wackerbarth den letzten Anstoß. Sonja Schilg, den Görlitzern als langjährige Chefin der heimischen Landskron-Brauerei bestens bekannt, bemerkte kritisch, dass es doch gar nicht sein könne, dass Görlitz als Qualitäts-Standort noch keine eigenes Weinfest hat und sagte ihre Unterstützung zu.
 
Bei der anschließenden Namensfindung musste beachtet werden, was in beiden Sprachen verständlich ist. So entwickelte sich aus Kulinarium, Kulinary und zahlreichen anderen Vorschlägen die lässig daherkommende Marke Coolinaria. „Wir wollten weg vom manchmal etwas elitären Image des Genusses, wir wollen unbedingt auch ein junges Publikum ansprechen und niemand abschrecken.“
 
Mit einer ehrenamtlich anpackenden Mannschaft von Enthusiasten, ohne Etat aber mit dem festen Glauben, das stemmen zu können, spann Krüger ab dann die Fäden in alle Richtungen. Bekam Rückenwind vom Zgorzelecer Bürgermeister Rafal Gronicz und dessen Görlitzer Amtskollegen Octavian Ursu. Stellte sein Konzept der städtischen Wirtschaftsförderung vor, die ihm bescheinigte, dass sein Produkt perfekt in die Tourismuswerbung passe. Und schaute täglich bang auf die Corona-Entwicklung.
 
Agnieszka Bormann hielt derweil die durch die Grenzschließung verunsicherten polnischen Winzer bei der Stange. Und tatsächlich waren dann zahlreiche polnische Aussteller, Produzenten und Gastronomen beim Probelauf am 27. Juni dabei und hochzufrieden über die Begeisterung der Gäste. Mit der Winnica Silesian stellte sich eines der ambitioniertesten jungen polnischen Weingüter vor. Aus dem Landkreis Zgorzelec eroberten die Betreiber des Restaurant und Weingutes Hanna mit umwerfendem Charme und kleinen Köstlichkeiten zum Verproben die Herzen der Gäste. Polnisches Eis, Liköre und Craftbeer aus Görlitz, fair gehandelte Kaffeespezialitäten und eine leidenschaftlich geführte Tischkicker-Manufaktur belebten das sonnenbeschienene Fest und die Initiative „Ein Korb voll Glück“ zeigte auf, welch enormer landwirtschaftlicher Reichtum in der Region vorhanden ist. „Sehr glücklich waren wir über die gute Durchmischung des Publikums. Wir haben vor allem auch viele junge Menschen erreicht, das war unser Ziel.“
 
Die Fortsetzung mit der dann ersten „Vollversion“ hoffentlich ohne Corona-Einschränkungen ist bereits terminiert auf den 26. und 27. Juni 2021. Für die Folgejahre schwebt Krüger vor, dass das Fest abwechselnd im polnischen Zgorzelec und im deutschen Görlitz stattfindet. „Auf lange Sicht wäre es mein Traum, dass wir gemeinsam eine grenzüberschreitende Genussmarke entwickeln als einen weiteren Baustein im Standortmarketing.“ Eine studentische Praktikantin immerhin hat er schon in seinem Unternehmen, die derzeit an den Grundlagen dafür arbeitet.
 
 

Fotos: Paul Glaser

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