Von Dublin nach Görlitz

Damian Kuck-Doszko ist ein lebender Gummiball. Mit gute-Laune-Garantie. Wenn man seiner im Görlitzer In-Lokal „Jakobs“ habhaft werden will, muss man flinke Füße haben. Das Energiebündel kann gleichzeitig die eindrucksvoll dampfende italienische Kaffeemaschine bedienen, Getränkewünsche auf deutsch, auf englisch oder auf polnisch abfragen, die Kasse klingeln lassen und Fragen zu seinem Lebenslauf beantworten.

Seine ersten Erinnerungen an Deutschland stammen aus den frühen achtziger Jahren. Es waren die Mädchen, denen er als Grundschüler auf der anderen Neißeseite zuwinkte. Die winkten kichernd zurück über die zerstörte Brücke in Deschka, einem kleinen Dorf ganz in der Nähe von Görlitz.

Auch an Ausflüge mit den Eltern erinnert er sich, an Sommerferien im Sachsen der Vorwendezeit. Richtig spannend wird es dann mit dem Fall der Mauer. Damian schließt Freundschaften über die durchlässiger gewordene Grenze hinweg. Er tauscht sich mit einem Kumpel in Zittau über die Olsen-Bande aus und merkt, wie ähnlich Menschen sind, auch wenn sie unterschiedliche Sprachen sprechen.

Das Gymnasium in Zgorzelec bietet ihm die Möglichkeit eines erweiterten Deutschunterrichtes. Die nutzt er gerne, um sich auf den nächtlichen Partys im Görlitzer Club „Basta“ verständigen zu können. Vermutlich spielten auch hier Mädchen eine Rolle. Zum Studium, Soziologie und Politik sind seine Fächer, muss er nach Opole, lässt aber den Kontakt nach Deutschland nicht mehr abreißen. In den Semesterferien sucht er nach einer Möglichkeit, Geld zu verdienen und wird in einer Brauereigastronomie in Köln fündig. Hier wird er körperlich gefordert, das mag er und weil er schneller ist als die meisten, fällt auch sein Trinkgeld stattlich aus.

Seine studentische Abschlussarbeit schreibt er mit dem Titel „Europastadt Görlitz/Zgorzelec Chance und Herausforderungen der Integration. Siebzig Seiten Zukunftsgedanken. Zurückblickend auf die Trennung nach Kriegsende 1945 und Ausschau nach morgen haltend.

Eine Stelle im Staatsdienst schließt sich an. Aber Damian spürt bald, dass er noch zu unruhig für den Schreibtisch ist. Kurzerhand setzt er sich in einen Bus und einen Flieger, um in Dublin zu landen. Viele seiner Schulfreunde und Kommilitonen sind schon da. Die Aussicht auf ordentliches Gehalt und ein Leben unter vielen verschiedenen Nationalitäten lockt.

Ganze vier Tage dauert es, bis er als Tellerträger in einem Restaurant anfangen kann. Er macht das zur Zufriedenheit des Küchenchefs, steigt bald zur Küchenhilfe auf. Dann darf er als Koch an den Herd und als Kellner an die Gäste. Parallel setzt er sich auf die Schulbank, büffelt Englisch wie ein Verrückter. Er weiß, dass die Sprachkompetenz sein wichtigster Schatz sein wird.

Bald zieht er in ein Dubliner Viertel, in dem Chinesen, Spanier und Italiener den Ton angeben. Eine herrliche Mischung für seine Ohren. Auch Iren gehören mittlerweile zu seinem Freundeskreis. Durch sie erfährt er, dass IBM immer Personal sucht, bewirbt sich, bekommt eine Stelle als Sachbearbeiter im Controlling. Der Lohn ist fantastisch, das Leben scheint ihn zu lieben. Was ihn stört, sind die Zeitarbeitsverträge. Nicht selten nur für Monate.

Damian möchte Stabilität, will ein Siedler sein und kein Arbeitsnomade. Also wechselt er nochmal. Fängt bei der nationalen Fluggesellschaft Air Lingus an, im Ground Operation Departement. Was sich so großartig anhört ist eine harte Arbeit. Flugzeuge be- und entladen. Aber das Geld stimmt und es ist endlich ein unbefristeter Vertrag. Er mag den Job, das internationale Team und die irische Luft. Bis die Familie aus Polen anruft. Die Mutter ist schwer erkrankt. Er weiß, das ist der Moment, wo er den Koffer packen wird.

Und wieder hat er das sprichwörtliche Glück des Tüchtigen. Wird angesprochen, ob er in Görlitz helfen will, das Jakobs mitaufzubauen. Eine moderne internationale Gastronomie sollte das sein. In der Spaß bei der Arbeit groß geschrieben und alle möglichen Sprachen gesprochen werden. Beides bisher noch keine Selbstverständlichkeit für Görlitz. Und umso gefragter in den Kreisen, die ungebremste Lust auf eine europäische Zukunft haben. Wie Damian Kuck-Doszko.

Was ihn an der Europastadt beeindruckt? Er muss nicht lange überlegen. „Wie viele unterschiedliche spannende Menschen ich hier schon kennengelernt habe. Architekten, Schriftsteller, die Filmleute, Journalisten aus allen möglichen Länder. Die kommen gerne zu uns essen und wir mit ihnen ins Gespräch.“ Dann ist da die Schönheit der Stadt und des Umlandes. Der nahegelegene Berzdofer See ist sein liebster Ort um zu entspannen. „Und auf deutscher Seite Rennrad fahren, ist klasse. Jedenfalls viel sicherer als auf den polnischen Straßen!“

Ob er bleiben will? „Ja, am liebsten mit einem eigenen Restaurant. Pur, biologisch, vegan. Gesundes Essen für gelassene Menschen, das wäre mein Traum. Und am liebsten vernetzt in alle Orte, in denen ich schon gelebt habe. Ich weiß auch schon, wie es heißen soll: Equal.“

 

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